Artemis with a dog and two companions at a spring (1925)

Artemis und der Dornauszieher

Manche sagen, die Geschichte habe sich in einem Waldhain nahe Ephesos zugetragen, andere, der Hain liege in Boëtien; noch wieder andere führen den Peloponnes als die Gegend an, in welcher er zu finden sei. Ja, manche sind sich sogar sicher, den Hain zu kennen, schließlich würden noch heute dort Opfer erbracht, und verweisen auf einige große Steine, die zwischen dornigen Sträuchern halb im Boden versunken liegen und das Heiligtum markieren.
 
Hier sei die Begebenheit um den Jüngling geschehen, den alle nur als den Dornauszieher kennen. Seinen Namen weiß niemand mehr. Er war zu jung gewesen, sich bereits einen gemacht zu haben, und entstammte wohl auch keinem vornehmen Haus, dessen Namen auf ihn hätte übergehen können. So ist seine Identität im Dunkel der Vorzeit verschwunden. Und doch hat er überdauert, in jenem Bild, in dem sein Wesen sich  verdichtet hat, und als welches er uns noch heute begegnet. Als das Bild jenes Augenblicks, in welchem sein Schicksal seinen Ausgang nahm. 
 
Er hatte sich nämlich dort auf einem Stein niedergelassen, um sich einen Dorn zu ziehen, in den er auf seinem Streifzug durch den Waldhain getreten war.
 
So aber, den Fuß ans Knie gehoben, mit spitzen Fingern über die Sohle gebeugt, sah ihn Artemis.
 
Sie, Zwillingsschwester des Apoll, Göttin der Jagd, der wilden Tiere und des Mondes, hielt inne. Sie, die delische Jungfrau, war an den Freuden der Aphrodite nie interessiert gewesen, nie hatte der Pfeil des Eros sie berührt, weshalb sie auch die Hüterin der Keuschheit, der Kinder und der Jugend war. 
Nicht einmal der Orion, jener große Jäger, den sie als einzigen Mann unter den Sterblichen je geschätzt, ja vielleicht sogar geliebt hatte, und den wir heute noch als Sternbild kennen, nachdem die Eifersucht ihres Bruders ihn das Leben gekostet hatte, selbst er hatte keine Wollust in ihr entfacht. 
 
Daher wusste sie nicht wie ihr geschah als sie erstarrte bei dem Anblick des Jünglings. Etwas ihr ganz Unbekanntes ergriff von ihr Besitz und breitete sich in ihr aus; vielleicht, dass man sie hätte erröten sehen können, wäre jemand da gewesen. Doch war dort keiner außer ihr und dem Jüngling; und auch der sah sie nicht, so versunken war er in sich selbst. 
 
Sie wusste nicht, ob sie das Gefühl mochte, das sich ihrer bemächtigt hatte. Doch sie wusste, dass sein Anblick es war, der es bewirkte. Und dass dieser Anblick ihr mehr als alles andere gefiel. Wie ungerührt er da saß! Alles um ihn war ruhig geworden, kein Wind ging mehr, kein Baum raschelte, die Vögel waren verstummt wie auch die Zikaden; er aber bemerkte es gar nicht! 
 
Mit welcher Zärtlichkeit er nach der Stelle griff! Wie seine Haare, eben noch leise vom Wind umspielt, sich nun locker um die Stirne legten! Wie fest und biegsam und doch zart sein Körper noch war! Kaum, dass sich schon an mancher Stelle ein Flaum darauf bildete!
 
Noch waren seine Poren nicht grob und verkratert, keine Quellen des Gestanks! Noch sprossen aus ihnen keine Haare, die sich immer dichter über Gesicht, Glieder und um das Gemächt herum ausbreiten würden, so wie um den Körper herum die Luft immer lauter würde, immer derber der Wandel, immer gieriger die Selbstsucht. 
 
Dieser dort war sich seiner Selbst so unbewusst wie der Umgebung, war ohne Scham, ohne
Manier, ganz eingesenkt in diesen Augenblick – der mit ihm stille stand, unberührt von der Zeit, deren Lauf man den Sterblichen gewöhnlicherweise ansah, wie er ihre wenigen Tage beständig fortspülte. Er aber war vollkommen, wie eine Insel saß er da inmitten alles Sterblichen. Sie hätte ihn ewig ansehen wollen.
 
Doch mit einem Mal war der Augenblick vorüber. Er hatte den Dorn gezogen und stand auf, seinen Weg fortzusetzen.  
 
Die Göttin erschrak. Und sofort durchfuhr sie ein Grauen. Denn nicht genug damit, dass das Bild, das sie so bewundert hatte, zerbrochen war. Die Bewegung, der es hatte weichen müssen, sein Gang war keinesfalls bewundernswert und gleichmäßig. Denn, zwar nur leicht, doch genug, um der Kränkung die Beleidigung hinzuzufügen, zog er den einen Fuß nach.  
 
Bestürzt von dem fürchterlichen Anblick stieg sie ihm nach, verständnislos und erbost. Er sollte zurückkehren in den Zustand der Vollkommenheit. Der Frevel sollte rückgängig gemacht werden!
 
Also warf die Göttin ihm einen weiteren Dorn hin, auf dass er hineintrete und sich wieder setze wie zuvor. Doch als der ihm in die Ferse stieß, ging der Schmerz ruckartig durch seinen ganzen Körper, dass er sich jäh krümmte! Er schleppte sich rasch an die nächstbeste Stelle. Ungelenk ließ er sich fallen. Und so musste sie ihn sehen, mehr kauernd als sitzend, den Fuß krumm ans Knie gezogen, die Finger ungeschickt nach der Sohle greifend: Sie erkannte ihn nicht wieder! Er fluchte leise vor sich her, seine Verunsicherung mit Ärger zu überspielend, während er immer ungeduldiger wurde, da er den Dorn nicht gleich zu fassen bekam.  Er versank nicht, er verlor sich!
 
Entsetzt über den Verlust der Anmut, der Unschuld, deren Andenken er nun derart besudelte,
stieg in der Göttin furchtbarer Zorn auf.
 
Als er es schließlich geschafft hatte und aufstand, humpelte er noch stärker als zuvor; und aus
widerwärtig gerötetem Gesicht stierten seine Augen vor sich auf den Weg, da er seinen Schritten nicht mehr traute.
 
Die Sonne ging auf das Abendrot hin und die Augen der Göttin verfinsterten sich. Sie wollte den Anblick wiedersehen, ihn in sich aufnehmen, wie er da gesessen, als sie ihn zuerst erblickt hatte. Nicht aber dieses schreckliche Abfallen vom Vollkommenen, diesen Zerfall, dieses Stürzen! Also legte sie erneut einen Dorn aus, in den er treten musste, nur jedoch, um erneut enttäuscht zu werden. War doch der Anblick, den er bot, noch ferner von jenem ersten, den verloren zu geben sie nicht bereit war.
 
Und also ging es fort bis in den Abend. Sie warf ihm Dorn um Dorn in den Weg. Mit jedem Mal aber wurde ihr das, was sie sah, abscheulicher und ihr Zorn wich schließlich der Verachtung. Als die Nacht über den Wald hereinbrach, war der Fuß des Jünglings rot, geschwollen und offen, kaum konnte er ihn noch aufsetzen. Verzweifelt vor Schmerz und Angst, nicht mehr aus dem Wald herauszufinden, stieß er flehende Bitten aus an die Herrin des Waldes, von der er bis jetzt noch nicht wusste, dass sie es war, die ihm seine Qualen bereitet hatte.
 
Artemis aber hatte sich längst von ihm abgewandt. Zuvor jedoch hatte sie über ihn diesen
Fluch gesprochen:
 
„Wohin du auch deine Schritte lenkst, Unvollkommener, sollst du in Dornen treten, und solange dein erbärmliches Leben noch währt, Eintagsgeschöpf, sollst du diesen Wald nicht mehr verlassen.“
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